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Lektion 09 - Die Rochade

in Lektion 09 - Die Rochade 01.07.2013 19:00
von Emanuel | 54 Beiträge | 453 Punkte

Die Rochade
Der Begriff kommt aus dem Persischen. Der Turm war damals ein Kampfwagen, genannt Ruch (persisch ‏رخ‎ Angesicht, siehe die mittelalterliche Bezeichnung Roch sowie das heute noch im Englischen verwendete rook »Turm«).

Am besten findet der König in der Eröffnung eine gute Deckung bei einer Rochade.
Es gibt eine »kurze Rochade« (Notation: »0-0«) und eine »lange Rochade« (Notation: »0-0-0«).

Die Rochade ist der Spielzug im Schach, bei dem König und Turm einer Farbe bewegt werden. Es handelt sich um den einzigen Doppelzug (bei dem zwei Figuren zugleich bewegt werden), der nach den Schachregeln erlaubt ist. Indem ein Spieler die Rochade ausführt bzw. rochiert, verfolgt er das Ziel, den König in eine sichere Position zu bringen und den beteiligten Turm zu entwickeln. Die Rochade darf von jedem Spieler pro Partie nur einmal ausgeführt werden; ihre Zulässigkeit ist an eine Reihe von Bedingungen geknüpft. Unterschieden werden die kurze und die lange Rochade.

Definition und Vorraussetzungen für die Rochade:
Die Rochade bezeichnet einen gemeinsamen Doppelzug von König und Turm derselben Farbe. Der König, welcher bei der Ausführung der Rochade zuerst berührt beziehungsweise gezogen werden muss, macht zwei Schritte in Richtung des an der Rochade beteiligten Turms, danach springt der betreffende Turm über den König auf dessen Nachbarfeld. Dabei unterscheidet man zwischen der langen bzw. großen Rochade mit dem (weiter entfernt stehenden) Damenturm und der kurzen bzw. kleinen Rochade mit dem nahen Königsturm. Die Notation lautet 0-0 für die kurze, 0-0-0 für die lange Rochade (unabhängig von der Farbe).

Es gibt also insgesamt 4 mögliche Rochadezüge:
• Ke1-c1 und Ta1-d1 (lange weiße Rochade)
• Ke1-g1 und Th1-f1 (kurze weiße Rochade)
• Ke8-c8 und Ta8-d8 (lange schwarze Rochade)
• Ke8-g8 und Th8-f8 (kurze schwarze Rochade)

Eine Rochade kann nur dann ausgeführt werden, wenn
• der König noch nicht gezogen wurde,
• der beteiligte Turm noch nicht gezogen wurde,
• zwischen dem König und dem beteiligten Turm keine andere Figur steht,
• der König über kein Feld ziehen muss, das durch eine feindliche Figur bedroht wird,
• der König vor oder nach Ausführung der Rochade nicht im Schach steht.

Turm und König müssen zudem auf der gleichen Reihe stehen. Diese Formulierung wurde nur hinzugefügt, um die ansonsten theoretisch mögliche (aber in der Praxis niemals vorgekommene) Pam-Krabbé-Rochade auszuschließen.

Der Turm darf bedroht sein oder über ein bedrohtes Feld ziehen. Die Rochade gilt als ein Königszug. Falls ein Spieler eine illegale Rochade ausführt und sein Gegner dies reklamiert, muss er einen anderen Königszug (dies kann auch die Rochade mit dem anderen Turm sein) ausführen. Ist kein legaler Königszug möglich, so kann er einen beliebigen legalen Zug ausführen (er muss also nicht den Turm ziehen, der an der illegalen Rochade beteiligt war).

Die kurze Rochade, 0-0


Bei der kurzen (oder kleinen) Rochade wird der König zuerst von e1 nach g1 bewegt.


Danach wird der Turm von h1 auf f1 gestellt.


Und so sieht die fertige kurze Rochade aus.

Die lange Rochade, 0-0-0

Bei der langen oder großen Rochade verhält es sich ähnlich:


Zuerst wird der König von e1 nach c1 bewegt.


Danach wird der Turm von a1 auf d1 gestellt.


So sieht die fertige lange Rochade aus.

Verlust des Rochaderechts
Zum sofortigen, endgültigen Verlust des Rochaderechts in einer Partie führt die folgende Spielsituation:
• der König wurde in der Partie gezogen,
• der an der Rochade beteiligte Turm wurde in der Partie gezogen. Der Verlust des Rochaderechts gilt für jeden Turm separat.

Zum vorübergehenden Verlust des Rochaderechts in einer Partie führt die folgende Spielsituation:
• der König steht im Schach,
• der König würde bei der Rochade ein bedrohtes Feld überqueren,
• der König würde nach der Rochade im Schach stehen.

Zweck der Rochade
In der Eröffnungsphase der Partie spielt sich das Geschehen meistens im Zentrum ab. Die Mittelbauern werden aufgezogen, der Kampf findet hier statt. Das bedeutet, dass der König in der Mitte gefährdet steht. Außerdem stehen die Türme am Rand im Abseits. Der König wird daher in eine sichere Randstellung hinter einen stabilen Bauernschutz gebracht und der Turm wird in die Mitte geführt, wo er am Geschehen aktiv teilnehmen und mit dem anderen Turm verbunden werden kann.

Die kurze Rochade gilt in der Regel als sicherer als die lange Rochade. Bei der langen Rochade ist eine längere Bauernkette zu verteidigen und der a-Bauer ist nicht mehr durch den Turm gedeckt, sodass in vielen Fällen noch ein Tempo investiert werden muss, um den König auf b1 bzw. b8 sicherer zu stellen. Außerdem müssen zur Vorbereitung der kurzen Rochade nur zwei Felder geräumt werden. Ein Vorteil der langen Rochade ist, dass der Turm auf der d-Linie sofort Einfluss auf das Zentrum nimmt.

Rochieren Weiß und Schwarz zu verschiedenen Seiten (wie es zum Beispiel oft in der Sizilianischen Verteidigung der Fall ist), kann ein besonders heftiger Kampf entstehen, weil beide Seiten mit Bauernvorstößen die gegnerische Königsstellung angreifen können, ohne den eigenen König zu entblößen.

Ferner ist die künstliche Rochade zu erwähnen. Mit dem Ausdruck ist gemeint, dass eine Partei nicht direkt rochiert, sondern den Zweck der Rochade durch mehrere Züge erreicht (also z.B. g2-g3, Ke1-f1, Kf1-g2 und Wegzug des Th1). Dies ist unvermeidlich mit einem großen Tempoverlust verbunden. Nach dem möglichen Verlust des Rochaderechts kann dies jedoch ein geeigneter Weg sein, den eigenen König auf einem der beiden Flügel in Sicherheit zu bringen.

Historisches zur Rochade
Die Rochade ist eine relativ neue Entwicklung im europäischen Schachspiel. In den asiatischen Schachvarianten findet sie sich nicht. Ihr Vorläufer war der um 1200 entstandene Königssprung, bei dem der König in seinem ersten Zug einen weiten Satz ausführen durfte. Um 1550 entwickelte sich daraus die heutige Rochade. Eine plausible Erklärung für diese Veränderung lautet, dass typischerweise zwei Züge − etwa Th1-f1 und der Königssprung nach g1 − unmittelbar aufeinander folgten. Schließlich wurden beide Züge zu einem neuen Doppelzug zusammengefasst. Die heutige Regel, dass nicht aus dem Schach oder durch das Schach rochiert werden darf, ergibt sich aus dieser Historie: Bei einer Rochade aus dem Schach wäre mit der alten Königssprung-Regel der König zunächst illegalerweise im Schach verblieben (da der Turmzug zuerst kam), bei einer Rochade durch das Schach hätte der Turm bei Anwendung der alten Regel nach dem ersten Zug vom Gegner geschlagen werden können, wodurch der folgende Königssprung häufig wiederum ins Schach geführt hätte und daher unmöglich gewesen wäre. Ähnlich wie im Falle des en passant wurde auch hier bei der Einführung einer neuen Zugart durch – aus heutiger Sicht nicht unmittelbar einleuchtende – Zusatzregeln sichergestellt, dass sich möglichst wenige sonstige Änderungen im Spielablauf ergeben.

Die erste Erwähnung findet sich in der frühneuzeitlichen Satire Gargantua et Pantagruel von François Rabelais (1564). In Italien entwickelte sich die »Freistil-Rochade«, bei der König und Turm ihre Plätze frei wählen konnten. So finden sich bei Salvio Eröffnungsvarianten mit Rochaden, bei denen König und Turm auf den Feldern Kb8/Te8, Kg1/Te1 oder Kh1/Tf1 landen. In den Schriften von Gioacchino Greco (1600–1634) wurde die beschränkte Rochade in ihrer heutigen Form als Norm bestimmt. Diese breitete sich dann von Frankreich her, wo Greco seine Hauptwirkung entfaltet hatte, in die anderen Länder aus. In Italien galt dagegen lange Zeit weiterhin das Recht der freien Rochade, und erst zum Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich auch dort die internationale Regel durch. Der letzte namhafte Schachmeister, der sich für die Beibehaltung der freien Rochade einsetzte, war Serafino Dubois (1817–1899).

Das Notationssymbol 0-0 verwendete erstmals 1811 Johann Allgaier in der dritten Auflage seines Lehrbuchs. Er benutzte ausschließlich die Schreibweise 0-0 und im Falle der Unterscheidung 0-0r(echts) und 0-0l(inks). Im Jahr 1837 wurde dann durch Aaron Alexandre das Symbol 0-0-0 für die lange Rochade eingeführt. Wenig später schloss sich das Handbuch des Schachspiels diesem Gebrauch an.

Erst 1964 wurde festgelegt, dass zwei Stellungen mit identischer Position der Figuren, aber unterschiedlichen Rochaderechten (wenn also z.B. eine Seite inzwischen den nichtrochierten König gezogen hat) im Sinne der Stellungswiederholung als unterschiedlich gelten.

Besonderheiten der Rochade

Für die Rochade allein geltend
• Die Rochade ist der einzige Zug, bei dem ein König weiter als nur auf ein angrenzendes Feld ziehen darf.
• Die Rochade ist der einzige Zug, bei dem zwei Steine derselben Farbe gleichzeitig gezogen werden.
• Die Rochade ist der einzige Zug, bei dem ein Turm über einen anderen Stein (den König) springen darf.

Für die Rochade neben en passant geltend
• Abgesehen vom Schlagen en passant ist die Rochade der einzige Zug, bei dem die Vergangenheit der Position von Bedeutung ist.
• Zudem ist sie neben en passant der einzige Zug, bei dem zwei Felder gleichzeitig geräumt werden.
• Zwei Schachstellungen mit identischen Positionen aller Steine und demselben Spieler am Zug können dadurch dynamisch verschieden sein, dass inzwischen ein Rochaderecht oder ein Recht, en passant zu schlagen, verloren gegangen ist. Dabei gilt das Rochaderecht erst mit dem Zug als verloren, wenn der König oder der entsprechende Turm tatsächlich ziehen, aber noch nicht mit einem Zug, der einen Königs- oder Turmzug erzwingt.

Für die Rochade neben anderen Zügen geltend
• Ebenso wie Bauern- und Schlagzüge kann sie nicht in einem späteren Zug rückgängig gemacht werden.
• Abgesehen von Abzugsschachs ist sie die einzige Möglichkeit, mit einem Königszug Schach zu bieten.

Schachvarianten
In einigen Schachvarianten gibt es bemerkenswerte Interpretationen der Rochaderegel. Im Chess960 ist anstelle bestimmter Positionen (auf ersten Reihe) nur festgelegt, dass der König am Anfang zwischen den beiden Türmen steht. Wenn rochiert wird, landen die beiden Figuren genau so, wie sie im klassischen Schach nach der Rochade stehen würden. Bei Zylinderschach gibt es beidseitige Verbindungslinien zwischen dem König und jedem der Türme, d. h. es ist auch möglich, mit dem Damenturm klein und mit dem Königsturm groß zu rochieren. Beim Janusschach wiederum zieht der König neben den Turm und der Turm springt dann über den König.

Rekorde
Den Titel der nach Zügen am spätesten erfolgten Rochade halten gleichermaßen die beiden Partien Neshewat–Garrison, Detroit 1994, mit 48. ... 0-0 und Somogyi–Black, New York 2002 mit 48. ... 0-0-0. In beiden Fällen gewann Schwarz.

Die Rochade mit der geringsten Anzahl von Steinen auf dem Brett fand in einer Partie Pupols–Myers, Lone Pine 1976, statt, als Weiß im Endspiel 40. 0-0-0 zog, mit nur noch 8 Steinen auf dem Brett. Die Partie endete remis.

Die größte Anzahl von Rochaden in einer Partie betrug 3 und wurde in einer Partie Heidenfeld–Kerins, Dublin 1973, gespielt. Weiß rochierte illegalerweise zweimal – unbemerkt, aber vergeblich, denn er verlor die Partie.

Rochade-Irrtümer
Die Rochaderegeln bilden einen der kompliziertesten Bestandteile der Schachregeln. Auch berühmten Meistern passierten in einzelnen Fällen Missverständnisse mit der Rochade:

• Während der 21. Partie im Kandidatenfinale gegen Anatoli Karpow 1974 fragte Viktor Kortschnoi den Schiedsrichter, ob er rochieren dürfe, wenn sein Turm angegriffen sei – er war sich in dem betreffenden Moment der Regel nicht bewusst.

• Juri Awerbach protestierte in einer Partie gegen Cecil Purdy gegen dessen Rochade, weil der Turm ein angegriffenes Feld überquert hatte. Er nahm dabei fälschlich an, dass dies illegal sei.

• Richard Réti rochierte in einer Partie gegen Carlos Torre groß, obwohl er mit dem Damenturm schon gezogen hatte. Er entkam mit einem spielbaren Königszug ins Remis.

• Alexander Kotow rochierte in einer Partie gegen Boris Spasski, obwohl er im Schach stand. Sein alternativer Königszug reichte trotzdem zum Gewinn der Partie.
Nigel Short rochierte in einer Partie gegen William N. Watson mit Schwarz groß, obwohl die weiße Dame auf a5 das Feld d8 beherrschte. Dieser Lapsus führte zum sofortigen Verlust der Partie.

• Michail Tal vergaß in der 8. Matchpartie gegen Bent Larsen in den Niederlanden 1969, dass er bereits die Rochade dauerhaft verhindert hatte, beging deshalb einen entscheidenden Fehler und verlor später.


»You can only get good at chess if you love the game.« -Robert James Fischer
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